Denis Pondruel
Kammer im Kunstwerk

J.M. Voith AG

In den Lehrwerkstätten der Voith Unternehmensgruppe entstand Denis Pondruels Stahlplastik. Der Pariser Künstler bringt darin zwei gleichermaßen alltägliche wie skulpturale Elemente - Raum und Stuhl - in einen (im Wortsinn) "verrückten" Zusammenhang. Ein monumentaler Stahlquader beherbergt in seinem Inneren einen kleinen, unzugänglichen Raum, der nur durch schmale Ausschnitte von außen wahrnehmbar ist. Durch diese Ausschnitte bewegt sich ein Stuhl, der an einer langen Stange außerhalb des Quaders befestigt ist. Von einem Elektromotor angetrieben, bewegt sich der Stuhl zu jeder vollen Stunde in Schwüngen bzw. Kreisen durch den Quader und den unzugänglichen Raum in seinem Inneren. Außen und Innen, Raum und Volumen, Statik und Dynamik, Linie und Fläche usw. werden so systematisch verkehrt und damit poetisch verwandelt.

inges idee
Piercing

Althammer GmbH & Co. KG

An einer Ecke des Rathauses der Stadt Heidenheim/Br. wird in Höhe des siebten Stocks ein großer Edelstahlring im Durchmesser von ca. 2,4 m montiert. Dieser durchbricht die Hauswand, um auf der anderen Seite der Hausecke wiederhervorzutreten, er sitzt quasi wie ein Ohrring im Haus. Dem eher rabiaten Eingriff in die Bausubstanz steht die stolze, ungewöhnliche Schmückung mit einem makellos gearbeiteten, polierten Edelstahlring gegenüber.

Die Verzierung unserer Körper ist heutzutage ein alltägliches und weitverbreitetes Phänomen. Tätowierung oder Piercing gehört mittlerweile zum täglichen Straßenbild. Entspricht die Tätowierung eher der Malerei auf dem Körper, so ist das Piercing als Perforation und Durchlöchern von Körpervolumina eindeutig ein bildhauerischer Akt. Dieser gewaltvolle / lustbetonte Akt, normalerweise am privaten Körper durchgeführt, wird von Inges Idee am architektonischen Baukörper im öffentlichen Raum vollzogen, in derselben Mischung aus Gewalttätigkeit und Dekoration, als identitätsstiftende, nach außen weisende Handlung.

Der bildhauerische Akt des Durchlöcherns, der Perforierung der trennenden Haut des Gebäudes verschiebt den intimen Akt des Körperschmückens in den Raum der bildenden Kunst. Der Ring weist sowohl nach außen (öffentlicher Raum) als auch nach innen (privater Raum) und vereint somit diese beide Sphären. Letztlich ist die konkrete Gleichsetzung von Körper, als Ort von Intimität, Lust, Privatheit und Exhibitionismus, und Bau-Körper ein Katalysator, der wesentliche Fragen von öffentlichem und privatem Bereich thematisiert.

Klaus Simon
Belastung

Matthäus Sturm GmbH, Holzverarbeitung

Da es sich bei der Matthäus Sturm GmbH um ein modernes Sägewerk handelt, das vornehmlich Balken und Bretter herstellt und bearbeitet, wählt Klaus Simon massive Holzbalken als Ausgangsmaterial für seine Skulptur. Die Balken stapelt er in Form eines Oktogons so übereinander, dass eine Art Käfig mit Kuppeldach entsteht. Diese architektonische Form, die einen Durchmesser von etwa sechs Metern und eine Höhe von etwa 8 Metern hat, gewinnt ihre statische Stabilität einerseits durch ihr Eigengewicht und andererseits durch einen großen Stein, der in über das Kuppeldach laufende Seile eingehängt ist. Mit seinem enormen Gewicht "belastet" der Stein, der im Inneren der Skulptur über dem Boden schwebt, ganz real die Konstruktion und gibt ihr zugleich Stabilität.

Doch Klaus Simon geht es nicht nur um skulpturale Kategorien wie das Gleichgewicht von Last und tragendem Gehäuse, von freiem Schweben und Unzugänglichkeit oder das Verhältnis Innen und Außen. Vielmehr stellt er seine Skulptur durch die Wahl des Standorts und des Steins bewusst in einen gesellschaftlichen Kontext. Denn bei dem Stein handelt es sich um einen Altarblock aus einer aufgelösten Kirche, und als Standort hat der Künstler die Nähe eines Friedhofs, des Waldfriedhofs der Stadt, gewählt. So ambivalent und letztlich interdependent wie das Verhältnis des Steins zum tragenden Gehäuse ist, so scheint auch das Verhältnis von Religion und Kirche einerseits und Zivilgesellschaft andererseits zu sein. Die konsequent und schlüssig gestaltete Skulptur wirft also Fragen auf, die weit über ästhetische und statische Zusammenhänge hinausweisen.

Thorsten Goldberg
Nächster Fahrt - Milch & Honig

Aditech GmbH, LCD Anzeigen und Steuerung

Bei der Aditech GmbH, die LCD-Anzeigen und deren Steuerung produziert, realisiert Thorsten Goldberg seine Arbeit "Nächster Halt Milch und Honig", die eine fiktive Haltestelle darstellt. Am oberen Ende eines vier Meter hohen Mastes, der in der Fußgängerzone aufgestellt wird, zeigt eine elektronische Anzeigentafel täglich wechselnde Fahrtziele. Mit ihren beschreibenden Namen, die auf verborgene Wünsche und Sehnsüchte hinweisen, sind die Fahrtziele unschwer als frei erfundene Ortsbezeichnungen zu identifizieren. Sie stammen alle aus der utopischen Weltkarte "Accurata Utopia Tabula", die vermutlich J. B. Homann um 1716 gezeichnet hatte. Diese Karte ist in verkleinertem Maßstab weiter unten am Mast angebracht und dient als eine Art Fahrplan für die oben angezeigten Fahrtziele.

Homanns Phantasiekarte, die ihrerseits auf dem Buch des kaiserlichen Generals Johann Andreas Schnebelin "Erklärung der Wunder = seltzamen Land = Charten Utopiae" beruht, fasst sämtliche damals bekannten, aber auch neu erfundenen Vorstellungen eines utopischen Schlaraffenlandes zusammen. Es handelt sich dabei um ein großes Land mit 17 Provinzen und etlichen Inselgruppen und beinahe 2000 Ortsnamen, die per Zufallsgenerator auf der Anzeigentafel der fiktiven Haltestelle erscheinen. Namen wie Sauvol, Schlaraffenburg, Dublon, Kleiderfürst, Ichmagnit, Dienstfrei, Imluder usw. deuten auf die Utopien, die sich seit dem Mittelalter mit dem Traum vom Paradies verbinden. Die ursprünglich religiöse Idee, das verlorene Paradies zurück zu gewinnen, erscheint hier in profanisierter Form. Dabei beziehen sich die unterschiedlichen Glücksvorstellungen zum Teil direkt auf Nöte und Ängste wie Hunger, Durst, Mangel, Mühsal, Bevormundung, provinzielle Langeweile oder sexuelle Frustrationen, welche die Menschen der Neuzeit plagten.

Thorsten Goldbergs Haltestelle für eine Fahrt zu Zielen, die nur in den Wunschvorstellungen der Menschen existieren, verbindet so auf raffinierte Weise einen alltäglichen Ort öffentlichen Verkehrs mit jenen Dimensionen des Wünschens, die in unserer Vorstellung auch heute noch mit dem Reisen und besonders mit der Urlaubsreise assoziiert werden. Die Verknüpfung von aktueller Technologie und längst verschollenen Glücksvorstellungen erzeugt dabei eine eigenartige Spannung, welche unsere Glücksvorstellungen sowohl als überhistorische Konstante allgemein-menschlicher Sehnsucht als auch als zeitbezogenes konkretes Wünschen zeigt.

Ralf Werner
Pagode

GBH Grundstücks- und Baugesellschaft AG Heidenheim

Ebenfalls eine Intervention, also einen Eingriff in eine bestehende räumliche Situation, nimmt Ralf Werner (geb. 1969, lebt in Düsseldorf) vor. Anders als Harald Kröner wählt er jedoch keinen häufig frequentierten Transitraum, sondern ein kleines Gebäude, das alleine am Hang des Heidenheimer Schlossbergs steht. Im Ambiente des Schlossparks wirkt das fensterlose Fachwerkhaus merkwürdig fremdartig, denn offenkundig erfüllt es weder die Funktion eines Pavillons noch eines Toilettenhäuschens. Bei dem rätselhaften Haus handelt es sich um die Pumpenstation eines in den Berg hinein gebauten Wasserreservoirs. Dem Geist der Zeit vor dem 1. Weltkrieg entsprechend hat man dessen technische Funktion jedoch bewusst verschleiert, in dem man es mit einem Fachwerk versah, das an einen Holzpavillon denken lässt. Das Pumpenhäuschen stellt also eine Illusionsarchitektur dar, wie sie bei technischen Gebäuden des frühen 20. Jahrhunderts häufig zu finden ist.

Dieser Architektur setzt nun Ralf Werner – im Wortsinne – die Krone auf, indem er die alte Fachwerkkonstruktion exakt kopiert und auf das Dach des Gebäudes setzt. Damit macht er die Idee, die dieser Illusionsarchitektur zugrunde liegt – also den Holzpavillon – erst richtig sichtbar, und realisiert ihn zugleich als wirkliche Architektur, die - auf Grund ihrer Lage - dem Besucher jedoch weiterhin unzugänglich bleibt. Doch mit der Verdoppelung des Fachwerks macht Ralf Werner nicht nur den Illusionismus der ursprünglichen Architektur wahrnehmbar, sondern er verwandelt das Gebäude damit zugleich in eine Pagode, deren Merkmal das Prinzip der (sukzessiven) Wiederholung einer hölzernen Grundkonstruktion ist. Diese Verwandtschaft des illusionistischen Pavillons mit asiatischer Pagodenarchitektur verweist ihrerseits auf die lange Tradition exotischer Illusionsarchitektur in europäischen Landschaftsgärten, wofür der Chinesische Turm im Englischen Garten der Stadt München wohl das bekannteste Beispiel ist.

Harald Kröner
werk schaffen erde...

Osram GmbH

Harald Kröner (geb. 1962, lebt in Pforzheim) arbeitet mit über 300 Auto-LEDs der Firma Osram. Aus ihnen formt er einen Lichttext, der sich mehrdeutig auf einen zentralen Transitraum der Stadt Heidenheim bezieht: die verkehrsreiche Autounterführung, die von der Bundesstraße zum größten Unternehmen der Stadt, der Firma Voith, und zur Innenstadt führt. Der Text „werk schaffen erde verbergung lichtung“ bringt einerseits farbiges Licht in den dämmerigen und unwirtlichen Tunnel, andererseits stimuliert er beim Betrachter freie Assoziationen über das Verhältnis von Licht und Dunkel, Arbeit und Produkt (Werk). Bei der Wortfolge „werk schaffen erde verbergung lichtung“ handelt es sich um zentrale Begriffe in Martin Heideggers Schrift „Der Ursprung des Kunstwerks“ (1960), in welcher der Philosoph die ontologische Verbindung von materiellen Kategorien wie Erde, Licht und Dunkel mit geistigen und kreativen Kategorien wie künstlerischer Arbeit, Erkenntnis und Kunstwerk nachzuweisen sucht.

Stefan Sous
Privatsammlung

SHW CT GmbH

„Da wird etwas zum Denkmal, das es normalerweis nicht verdient“, sagt der 1964 in Aachen geborene Künstler Stefan Sous. Rund 40 Teile beinhaltet sein „Sperrmüllhaufen“ aus Metall, der in aufwendiger Kleinarbeit bei SHW Casting Technologies im Werk Wasseralfingen unter der fachkundigen Leitung von Alfred Neukamm gegossen wurde. Das Werk trägt den Namen „Privatbesitz“. Sous ist der Meinung, dass ein Sperrmüllhaufen einiges über den oder die Besitzer der Gegenstände aussagt, die die ausgedienten Gebrauchsgegenstände zur Abholung vor die Tür gestellt haben. Der Künstler sagt dazu: „Uns erscheint Sperrgut eigentlich willkürlich angehäuft. Meinem künstlerisch-bildhauerischen Blick erscheint es jedoch oftmals wie eine mit Bedacht erzeugte Ansammlung oder Anordnung – gar als Ensemble“. Der im ersten Moment vielleicht irritierende Vorschlag zeige sich schon im Entwurf als klassisches Stillleben. Das Verewigen des Abgenutzten lasse einen Gedanken an die Vergänglichkeit allen irdischen Seins zu.

Stefan Sous studierte an der Kunstakademie Düsseldorf bei Tony Cragg, und erhielt zahlreiche Preise. Seine Werke können in vielen Städten in ganz Deutschland bewundert werden.

Michael Beutler
Kontinuierliche Schalung

Voith GmbH

Rund zehn Meter hoch ist die „Kontinuierliche Schalung“, die der 1976 in Oldenburg geborene Künstler Michael Beutler in Zusammenarbeit mit der Voith AG in der Lehrwerkstatt im Haintal aus Papier vorfertigte. “Die Idee ist, ein genormtes Produkt zu entwickeln, welches die Verbreitung der Säule um den Globus unterstützt. Ähnlich wie bei existierenden Rohrschalungen soll auch hier Papier genutzt werden“. Durch die alternierenden großen und kleinen Volumen verkeilen sich die Elemente von selbst. Jedes Schalungsmodul gleicht dem anderen und sie lassen sich unendlich ineinander stecken. Es bedurfte einiger Versuche, bis Beutlers Idee von den Lehrlingen unter Anleitung ihrer Meister in der Lehrwerkstatt von Voith „tragfähig“ umgesetzt werden konnte. An der dicksten Stelle soll die Säule einen Durchmesser von 90 Zentimeter haben. Beutler: „Die Spindel ist der erste Teil der Arbeit, der zweite sind die Tests, der dritte ist das Aufstellen der Betonsäule mit Hilfe der gebauten Papierschalungsmodule“.

Michael Beutler studierte an der Städelschule in Frankfurt am Main bei Thomas Bayrle und an der Glasgow School of Art. Beutlers Installation einer 16 Meter hohen Pagode aus Aluminium im Laufhansa Aviation Center in Frankfurt wurde 2008 mit dem „mfi-Preis Kunst am Bau“ ausgezeichnet.

Fritz Balthaus
use

Effekt Werke GmbH

Den Preis für ein Lichtprojekt hat der Berliner Künstler Fritz Balthaus mit einem Vorschlag gewonnen, der durch seine formale, spezifisch örtliche und inhaltliche Präzision besticht. Für das Heidenheimer Kunstmuseum schlägt er eine Leuchtschrift vor, die in ihren Dimensionen perfekt auf die niedrigen Dachflächen des Jugendstilgebäudes passt. Links vom Eingangsportal des Gebäudes ist das Wort „kunst“ zu lesen, rechts um die Ecke, gleich nach der historischen Balustrade steht das Wort „museum“.

Das Kunstmuseum Heidenheim bekommt damit eine Leuchtreklame, die von der Museumsleitung schon lange gewünscht wurde, bisher aber aus zwei Gründen scheiterte: 1. am notorisch knappen Budget des Museums und 2. am Denkmalschutz, der eine solch auffällige Reklame nicht genehmigen würde, weil sie die historische Fassade signifikant verfremdet.

Beide Probleme löst das Projekt von Fritz Balthaus quasi nebenbei. Denn nun übernehmen die Firma Richter Lighting Technologies und das Bildhauersymposion die Kosten, und als Kunstwerk unterliegt diese Leuchtschrift nicht der Genehmigungspflicht durch das Denkmalamt.

Doch nicht nur aus diesen Gründen passt das Projekt von Fritz Balthaus präzise für das Kunstmuseum. Vielmehr baut der Künstler auch noch einen künstlichen Wackelkontakt in die Leuchtschrift ein, der dazu führt, dass die Buchstabenfolge „u - s - e“ in dem Wort „museum“ ständig flackert. Unschwer erkennt man in dieser vermeintlichen Fehlfunktion das englische Wort „use“, also das Substantiv „Gebrauch“ bzw. die verbale Aufforderung „Gebrauche!“. Damit weist Fritz Balthaus auf eine zentrale Funktion jedes Museums als Institution hin. Denn Museen dienen vornehmlich zur Bewahrung und Präsentation gesellschaftlich wertvoller Artefakte und diese sollen, ja, müssen von der Öffentlichkeit gebraucht, d.h. also angeschaut und verstanden werden.

Denkt man näher über den Gebrauch von Museen durch Kuratoren, Künstler, Sammler, Politiker, Populisten, Touristen usw. nach, dann eröffnet sich darüber ein breites Assoziationsfeld zum Verhältnis von Museum und Gesellschaft, das an dieser Stelle jedoch nicht näher betrachtet werden kann. Festzuhalten bleibt: Die an sich einfache Lichtinstallation von Fritz Balthaus überzeugt nicht nur durch ihre formale, örtliche und inhaltliche Genauigkeit, sondern auch durch ihren Assoziationsreichtum.

Carl Boutard
untitled

Landratsamt Heidenheim Fachbereich Wald
Landesbetrieb Forst B-W
Uwe Maier Holzbau GmbH

Wie Rita Rohlfings reflection wird auch die Holz-Skulptur des schwedischen Künstlers Carl Boutard auf dem Schlosspark platziert. Als Aufstellungsort – oder besser als Aufhängungsort – benötigt sie einen großen, möglichst frei stehenden Baum.

Carl Boutard, der Preisträger für den Arbeitsplatz Forst, hat eine bestechende Grundidee entwickelt. Ausgehend von seinem Arbeitsmaterial Holz in dessen ursprünglichster Form - also dem Stamm bzw. dem Ast - entwickelt er aus entrindetem Holz mit einem Durchmesser von 20 – 39 cm eine abstrakte Skulptur. Hierzu werden die Äste in einzelne Segmente mit einer Länge von ca. 30 – 70 cm zerlegt und durch Metallverbindungen, wie sie von Zimmerleuten und Schreinern benutzt werden, zu einer organoid-verschlungenen Form zusammengefügt, die am Ende eine in sich geschlossene Schleife bildet.

Offenkundig handelt es sich auch hier um eine abstrakte, autonome Plastik, die jedoch auf ihr Ausgangsmaterial, den Baum, auf vielfältige Weise Bezug nimmt: 1. in der groben, naturnahen Oberflächengestaltung; 2. dem quasi organischen Wachstum der Segmente und 3. schließlich im Auf-hängungsort selbst: einer Baumkrone.

In der Gegenwartskunst gibt es unzählige Künstlerinnen und Künstler, die sich mit dem Zusammenhang von Kunst und Natur beschäftigen. Allerdings sind die wenigsten Werke überzeugend, denn viele imitieren einfach die Natur oder Naturprozesse und ignorieren damit die grundlegende Differenz zwischen Kunst und Natur. Denn Kunst heißt deshalb Kunst, weil sie etwas Künstliches, vom Menschen Gemachtes ist und daher niemals mit Natur identisch sein kann. Genau diese Differenz zwischen der Natur-Realie Baum und der Kunst, die von uns Menschen gemacht wird, ebnet Carl Boutard mit seiner Holzskulptur nicht ein. Sie zeigt zwar, dass sie aus einem Baumstamm entstanden ist und sie imitiert offenbar auch pflanzliche Wachstumsformen, aber sie erscheint selbst nicht als Naturform. Vielmehr schafft der Malmöer Künstler eine eigene künstlerische Realität parallel zur Natur. Diese Formulierung erinnert nicht zufällig an Paul Cézanne, dessen Diktum lautete: Kunst ist eine Harmonie parallel zur Natur. Damit schloss Cézanne bewusst aus, dass es die Aufgabe der modernen Kunst sein könne, die Natur einfach – abbildhaft oder prozessual - zu imitieren.

Rita Rohlfing
reflections

Voith GmbH

Während Ina Weber mit ihrem „Fahrradständer“ unsere gebaute Umwelt analysiert, ignoriert Rita Rohlfing mit ihrer Skulptur „reflections“ die Eigenarten des öffentlichen Raums vollkommen. Sie schlägt eine Skulptur vor, die aus nichts anderem als aus großen, intensiv leuchtenden Farbfeldern besteht. Mehrere jeweils etwa 2 x 4 Meter große Edelstahlplatten sind die Träger dieser Farbfelder. Sie werden schräg zueinander gesetzt, so dass die jeweils spiegelnde Rückseite einer Platte das Farbfeld der dahinter aufgestellten Platte reflektiert. Mitten in den öffentlichen Raum setzt die Künstlerin also abstrakte und vollkommen autonome Farbflächen, die vom Betrachter nichts weniger verlangen, als sich auf die monochromen Farbwirkungen einzulassen.

Ihren Reiz gewinnt diese selbstbewusste künstlerische Setzung einerseits durch die mutige Geste, den öffentlichen Raum mit Farbfeldmalerei einfach zu besetzen, andererseits dadurch, dass die spiegelnden Rückseiten der Farbplatten - je nach Lichtverhältnissen und Betrachterstandpunkt - die Farbflächen und den Umraum in verschiedener Weise reflektieren.

Wie dieses radikal autonome Kunstwerk außerhalb des Schutzraums eines Museums bestehen kann, wird sich zeigen müssen. Denn die Farbfelder verlangen einen respektvollen Umgang, der im öffentlichen Raum häufig nicht gegeben ist. Andererseits kann man immer wieder erleben, dass bestimmte Kunstwerke von Vandalismus verschont bleiben.

Angesichts der Tatsache, dass die neue Bebauung des Schlossbergs mit Hugo-Rupf-Platz, Hotel und Congress Centrum bisher ohne jede künstlerische Gestaltung geblieben ist, schlägt die Jury den bisher ungestalteten Raum zwischen Hotel und Schloss als Aufstellungsort für die Skulptur von Rita Rohlfing vor.

Stefan Rohrer
Vespa

Franz Rieger Metallveredlung
Robert Smejkal

Nicht die Natur, sondern unsere alltägliche Lebenswelt, die ohne Technik gar nicht mehr funktionieren würde, ist das Thema von Stefan Rohrer, dem Preisträger für den Arbeitsplatz Blech bei den Firmen Smejkal und Rieger.

Als Stuttgarter Künstler beschäftigt er sich mit einem Phänomen, für das unsere Landeshauptstadt weltweit steht: den Bau von Automobilen und die Faszination, die von teueren und schnellen Fahrzeugen ausgeht. Für sein Projekt hat er jedoch keinen prestigeträchtigen Mercedes oder Porsche gewählt, sondern eine vergleichsweise preiswerte Vespa. Aber gerade dieser kurz nach dem 2. Weltkrieg erfundene Motorroller steht mit seiner eleganten Form und seiner berühmten Wespentaille für eine bequeme und unaufgeregte Form der individuellen Fortbewegung im städtischen Raum, jenseits der Hightech-Verbissenheit deutscher Ingenieurskunst.

Da das Zweiradfahren auch die gefährlichste Form der individuellen Mobilität darstellt, wirkt die Vespa von Stefan Rohrer, die sich um einen umgeknickten Laternenmast wickelt, wie ein Monument der Gefahren, die im Verkehr lauern.

Ein echtes Gefühl von Tragik stellt sich bei der Betrachtung seiner Skulptur jedoch nicht ein. Hierzu schrauben sich die unendliche verlängerte Wespentaille, das Rad und der Lenker viel zu elegant und beschwingt um den Laternenmast. Offenkundig handelt es sich bei dieser Plastik weniger um ein Mahnmal, das vor den Gefahren der Mobilität warnt, als vielmehr um einen entspannt-ironischen Kommentar zur „Freude am Fahren“ und zum „Vorsprung durch Technik“.

Ina Weber
Fahrradständer

Voith GmbH

Ina Weber befasst sich in ihrem Werk „Fahrradständer“ mit profanen Gebäudeelementen und Kleingebäuden, die man zwar überall findet, denen man jedoch in der Regel keine Aufmerksamkeit schenkt, obwohl sie notwendige Bestandteile von Gebäuden sind: Gemeint sind Strom- und Schaltkästen, Umspannstationen, Lüftungskästen, Luken, Revisionsöffnungen, Lüftungsgitter, Notausgänge usw.

Diese überall vorhandenen, aber möglichst unsichtbaren Architekturelemente fasst die Künstlerin in einer L-förmigen Gebäudestruktur zusammen, die aus Lochblechen, Gittern, Luken, Lüftungsschlitzen besteht und von vorne wie eine minimalistische, quaderförmige Skulptur wirkt. Betrachtet man diese dunkle Quaderform jedoch von hinten, dann sieht man eine offene und beleuchtete Halle, die Platz zum Unterstellen von Fahrrädern bietet. Der „Fahrradständer“ vereinigt somit zwei entgegengesetzte Seiten jeder Architektur: Eine offene und repräsentative Schauseite, welche die Funktion des Gebäudes zeigt und zur Benutzung einlädt – in diesem Falle also der überdachte Fahrradabstellplatz - und eine verschlossene und versteckte Seite, die all jene funktionalen Bauelemente enthält, die man zum Betrieb eines Gebäudes braucht. Diese oft übersehene Dichotomie jedes Gebäudes thematisiert Ina Weber, indem sie im „Fahrradständer“ das gemeinhin Versteckte aufwertet und zur Schauseite ihres Gebäudes macht und das üblicherweise Sichtbare im Innern dieses Gebäudes verbirgt.