Nominatoren

Dr. Melitta Kliege, Neues Museum für Kunst und Design, Nürnberg
Ruth Merckle, Blaubeuren
Andrea Ostermeyer, Köln
Prof. Dr.Manfred Schneckenburger, Köln
Dr. Thomas Wagner, Frankfurter Allgemeine Zeitung, Frankfurt/Main
Künstlerischer Beirat des Bildhauersymposions Heidenheim

Jury

Dr. Britta Buhlmann, Pfalzgalerie, Kaiserslautern
Prof. Albert Hien, München
Dr. Uwe Rüth, Skulpturenmuseum Glaskasten, Marl

Verein

Vorsitzender:  Joachim Dziallas
Vorstand:  Dr. Hermut Kormann, Thomas Bögerl, Dr. Maximilian Eberle, Dr. René Hirner, Klaus Moser, Wilfried Wörner
Künstlerischer Beirat:  Berni Fetzer, Franklin Pühn, Horst Pommerenke

Preisträger

Carsten Gliese, Münster
Ute Hörner und Mathias Antlfinger, Düsseldorf
Thorsten Goldberg, Berlin
Olaf Nicolai, Berlin
Klaus Simon, Krefeld

Firmen

Schuck GmbH
ADITECH Flüssigkristallanzeigen GmbH
Carl Edelmann GmbH & Co. KG
Schiessle GmbH & Co. KG
Matthäus Sturm GmbH

Carsten Gliese
Zwischenbebauung IV

Franz Schuck GmbH, Armaturen

Vorhandene Hausfassaden durch Verkleidung mit Stahlblechen optisch zu verändern, ist der Arbeitsansatz von Carsten Gliese bei seinen ?Zwischenbebauung? genannten Projekten. In Heidenheim hat er hierzu den schmucklosen Anbau des Spielwarengeschäftes Jaro (Brenzstraße/Ecke Grabenstraße) gewählt, dessen Fassade er durch Stahlblechverkleidungen materiell verändert und zugleich als Bild neu interpretiert. Als motivische Grundlage dienen ihm dabei Fotografien dieser Hausfassade, die er mit dem Computer so bearbeitet, dass ein neues Bild der Fassade entsteht. Die derart bearbeitete fotografische Vorlage wird vom Künstler in der Franz Schuck GmbH als gerastertes Bild auf das Blech übertragen und die Bildpunkte anschließend ausgebohrt. In Abhängigkeit von den Grauwerten der Vorlage werden Bohrungen mit unterschiedlichem Durchmesser gesetzt. Da in dem dunklen Stahl vor der hellen Fassade die Bohrlöcher hell erscheinen, zeigen sich die perforierten Bleche nach ihrer Montage als gerastertes Bild, das um die Architektur gelegt ist.

Die Wahrnehmung dieses Bildes ist dabei entscheidend vom Betrachterstandpunkt abhängig. Steht man dicht vor der Fassade, sieht man nur die perforierten, vor die Wand gesetzten Stahlbleche. Je weiter man sich vom Gebäude entfernt, um so deutlicher tritt das Bildmotiv zu Tage, das letztlich die vorhandene reale Architektur bildlich ergänzt und fortentwickelt. Aus dem schmucklosen Anbau wird so konsequente und moderne Architektur, die Gebäude und Bild zugleich ist.

Hörner / Antlfinger
They read / Sie lesen

Aditech GmbH, LCD Displays und Steuerung
Carl Edelmann GmbH & Co. KG

Mit der Technologie der Firma Aditech arbeitet ebenfalls das Künstlerpaar Ute Hörner und Mathias Antlfinger. Dabei machen sie sich die technischen Voraussetzungen von LCD-Displays zu nutze, die darin bestehen, dass das von den Flüssigkeitskristallen erzeugte Licht durch Polarisationsfolien geleitet werden muss, um Schriftzeichen sichtbar werden zu lassen. Entfernt man eine solche Polarisationsfolie aus dem Display, kann die Schrift mit bloßem Auge nicht mehr wahrgenommen werden. Deshalb lassen die Künstler Brillen mit Polarisationsfolien herstellen, die es dem interessierten Kunstbetrachter dennoch ermöglichen, die Textbotschaften zu lesen. Die Kunst, die sich im öffentlichen Raum normalerweise immer dem Betrachter aufdrängt, bleibt so unsichtbar, sofern der Betrachter kein Interesse an ihr hat. Wenn er aber auf das Projekt des Künstlerpaars neugierig ist, kann er es mit Hilfe der Polarisationsbrille kennen lernen. Er kann die ausgewählten Texte lesen, die sich mit der Konstruktion von Wirklichkeit befassen. Das gute Dutzend Displays findet er an verschiedenen Stellen im Stadtgebiet, wie z. B. an einem Kiosk, in einem Café, einem Schaufenster oder in einem Supermarkt.

Die Idee zu dem Projekt „They read/Sie lesen“ ist inspiriert von dem Sience-Fiction-Film „They live/Sie leben“ von John Carpenter. Dieser Film entwirft ein typisches Verschwörungsszenario des Kinos der 1970er und 80er Jahre: Die Erde wird von Außerirdischen unterwandert, die wie gewöhnliche Menschen aussehen. Doch nicht nur viele Menschen sind bereits Aliens, sondern der gesamte öffentliche Raum ist von geheimen Botschaften durchdrungen, welche die Menschen lenken, jedoch von diesen nicht bewusst wahrgenommen werden können. Ein Außenseiter gelangt durch Zufall in den Besitz einer Brille, mit deren Hilfe er die Außerirdischen sehen und ihre geheimen Botschaften lesen kann.

Das Projekt von Hörner/Antlfinger spielt mit dieser Umkehrung von Sichtbarkeit und Wirksamkeit. Sie machen eine textgestützte, konzeptionelle Kunst für die Öffentlichkeit, die sich nicht aufdrängt, aber vom interessierten Betrachter gelesen werden kann. Dabei besteht der Inhalt ihrer Botschaften gerade darin, das Verhältnis zwischen Vorstellung und Wirklichkeit zu thematisieren.

Thorsten Goldberg
Nächster Fahrt - Milch & Honig

Aditech GmbH, LCD Anzeigen und Steuerung

Bei der Aditech GmbH, die LCD-Anzeigen und deren Steuerung produziert, realisiert Thorsten Goldberg seine Arbeit "Nächster Halt Milch und Honig", die eine fiktive Haltestelle darstellt. Am oberen Ende eines vier Meter hohen Mastes, der in der Fußgängerzone aufgestellt wird, zeigt eine elektronische Anzeigentafel täglich wechselnde Fahrtziele. Mit ihren beschreibenden Namen, die auf verborgene Wünsche und Sehnsüchte hinweisen, sind die Fahrtziele unschwer als frei erfundene Ortsbezeichnungen zu identifizieren. Sie stammen alle aus der utopischen Weltkarte "Accurata Utopia Tabula", die vermutlich J. B. Homann um 1716 gezeichnet hatte. Diese Karte ist in verkleinertem Maßstab weiter unten am Mast angebracht und dient als eine Art Fahrplan für die oben angezeigten Fahrtziele.

Homanns Phantasiekarte, die ihrerseits auf dem Buch des kaiserlichen Generals Johann Andreas Schnebelin "Erklärung der Wunder = seltzamen Land = Charten Utopiae" beruht, fasst sämtliche damals bekannten, aber auch neu erfundenen Vorstellungen eines utopischen Schlaraffenlandes zusammen. Es handelt sich dabei um ein großes Land mit 17 Provinzen und etlichen Inselgruppen und beinahe 2000 Ortsnamen, die per Zufallsgenerator auf der Anzeigentafel der fiktiven Haltestelle erscheinen. Namen wie Sauvol, Schlaraffenburg, Dublon, Kleiderfürst, Ichmagnit, Dienstfrei, Imluder usw. deuten auf die Utopien, die sich seit dem Mittelalter mit dem Traum vom Paradies verbinden. Die ursprünglich religiöse Idee, das verlorene Paradies zurück zu gewinnen, erscheint hier in profanisierter Form. Dabei beziehen sich die unterschiedlichen Glücksvorstellungen zum Teil direkt auf Nöte und Ängste wie Hunger, Durst, Mangel, Mühsal, Bevormundung, provinzielle Langeweile oder sexuelle Frustrationen, welche die Menschen der Neuzeit plagten.

Thorsten Goldbergs Haltestelle für eine Fahrt zu Zielen, die nur in den Wunschvorstellungen der Menschen existieren, verbindet so auf raffinierte Weise einen alltäglichen Ort öffentlichen Verkehrs mit jenen Dimensionen des Wünschens, die in unserer Vorstellung auch heute noch mit dem Reisen und besonders mit der Urlaubsreise assoziiert werden. Die Verknüpfung von aktueller Technologie und längst verschollenen Glücksvorstellungen erzeugt dabei eine eigenartige Spannung, welche unsere Glücksvorstellungen sowohl als überhistorische Konstante allgemein-menschlicher Sehnsucht als auch als zeitbezogenes konkretes Wünschen zeigt.

Olaf Nicolai
Camouflage

Schiessle GmbH & Co. KG, Garten- und Landschaftsbau

Das mit Rasen und einigen Bäumen bepflanzte Innere einer oval angelegten Auffahrtsrampe zu einer Brücke künstlerisch zu gestalten, war die Aufgabe, der sich Olaf Nikolai stellte. Seine Lösung für das Geländestück, das vollkommen von Straßen umschlossen ist und deshalb in der Sprache der Verkehrsplaner "Auge" genannt wird, besteht in der Idee, es vollkommen neu zu bepflanzen. Und zwar in Form eines Camouflagemusters, wie es für militärische Zwecke auf Uniformen und Netzen zur Tarnung verwendet wird.

Die Camouflage bekommt hier also die Funktion, das Gelände selbst zu tarnen, d. h. es als Natur erscheinen zu lassen. Der paradoxen Idee, Natur künstlich als Natur erscheinen zu lassen, entspricht dabei die Grundstruktur des Camouflagemusters selbst. Denn es ist ein rein künstliches Muster, das sehr wirkungsvoll Natur imitiert. D. h. in dem Muster verbinden sich zwei scheinbar vollkommen unterschiedliche Sphären, nämlich Kunst und Natur, zu einem merkwürdigen "Zwitter", der halb Natur- und halb Kulturprodukt ist.

Genau diesen paradoxen Charakter hat auch das Geländestück selbst. Es ist ein Landschaftsrest zwischen Verkehrswegen und zugleich gestaltete Natur. Es handelt sich um einen modernen "Nicht-Ort", der erst durch die Verkehrsflächen entsteht. Durch die Bepflanzung mit einem Camouflagemuster wird dieser Ort einerseits "getarnt", also quasi naturalisiert, andererseits ist er auf Grund des verwendeten Musters und der aufwendigen Gestaltung - es werden 55000 Pflanzen neu gesetzt - ein Kunstprodukt unserer modernen Welt.

Klaus Simon
Belastung

Matthäus Sturm GmbH, Holzverarbeitung

Da es sich bei der Matthäus Sturm GmbH um ein modernes Sägewerk handelt, das vornehmlich Balken und Bretter herstellt und bearbeitet, wählt Klaus Simon massive Holzbalken als Ausgangsmaterial für seine Skulptur. Die Balken stapelt er in Form eines Oktogons so übereinander, dass eine Art Käfig mit Kuppeldach entsteht. Diese architektonische Form, die einen Durchmesser von etwa sechs Metern und eine Höhe von etwa 8 Metern hat, gewinnt ihre statische Stabilität einerseits durch ihr Eigengewicht und andererseits durch einen großen Stein, der in über das Kuppeldach laufende Seile eingehängt ist. Mit seinem enormen Gewicht "belastet" der Stein, der im Inneren der Skulptur über dem Boden schwebt, ganz real die Konstruktion und gibt ihr zugleich Stabilität.

Doch Klaus Simon geht es nicht nur um skulpturale Kategorien wie das Gleichgewicht von Last und tragendem Gehäuse, von freiem Schweben und Unzugänglichkeit oder das Verhältnis Innen und Außen. Vielmehr stellt er seine Skulptur durch die Wahl des Standorts und des Steins bewusst in einen gesellschaftlichen Kontext. Denn bei dem Stein handelt es sich um einen Altarblock aus einer aufgelösten Kirche, und als Standort hat der Künstler die Nähe eines Friedhofs, des Waldfriedhofs der Stadt, gewählt. So ambivalent und letztlich interdependent wie das Verhältnis des Steins zum tragenden Gehäuse ist, so scheint auch das Verhältnis von Religion und Kirche einerseits und Zivilgesellschaft andererseits zu sein. Die konsequent und schlüssig gestaltete Skulptur wirft also Fragen auf, die weit über ästhetische und statische Zusammenhänge hinausweisen.